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Ratgeber

Maurer-Schema und Kölner Algorithmus: Wie viel Sanitätsdienst braucht eine Veranstaltung?

Maurer-Schema und Kölner Algorithmus liefern schnell eine Zahl. Warum sie nur der Anfang der Planung ist und was die Beurteilung der konkreten Lage ergänzen muss.

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Raster aus farbig abgestuften Feldern als Sinnbild einer Risikomatrix

Wenn eine Hilfsorganisation den Sanitätsdienst einer Veranstaltung plant, steht am Anfang oft eine Rechnung. Besucherzahl eintragen, Art der Veranstaltung auswählen, Kräfte ablesen. Das ist nachvollziehbar und schafft eine gemeinsame Grundlage mit dem Veranstalter. Die Zahl, die dabei herauskommt, wirkt allerdings verlässlicher, als sie ist.

Was das Maurer-Schema rechnet

Das in den 1990er Jahren von Klaus Maurer entwickelte Punktesystem ist bis heute weit verbreitet. Es fasst fünf Risikofaktoren zusammen: die Besucherzahl, zulässig und tatsächlich erwartet, den Ort, also geschlossen oder Freigelände, die Gefahrenneigung nach Art der Veranstaltung, die Beteiligung prominenter Personen mit Sicherheitsstufe und polizeiliche Erkenntnisse etwa zur Gewaltbereitschaft. Aus dem Gesamtwert wird der Kräfteansatz in Tabellen abgelesen.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Das Verfahren ist einfach, nachweisbar und reproduzierbar. Eine Arbeit aus dem Forschungsprojekt EVA, veröffentlicht von der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes, nennt aber auch die Nachteile: Es sei „sehr starr“, die Einbindung eigener Erfahrung werde erschwert, und räumliche Gegebenheiten sowie die Ausdehnung einer Veranstaltung, etwa bei Umzügen, flössen nicht ein.

Bemerkenswert ist ein weiterer Hinweis derselben Arbeit: Maurer selbst habe schon früh eine umfassende Einsatzplanung gefordert, mit baulichen, betrieblichen und operativen Maßnahmen. Viele Anwender vernachlässigten das. Der Algorithmus war also nie als alleinige Antwort gedacht.

Der Kölner Algorithmus setzt anders an

Der 2006 veröffentlichte Kölner Algorithmus geht von einer anderen Frage aus: Welches Schutzziel soll erreicht werden? In Köln ist das eine Zugriffszeit von höchstens fünf Minuten. Daraus folgt zuerst eine Raumplanung mit Wachbezirken, danach eine Stärkeplanung nach einem Häufigkeitsmodell. Es rechnet im Mittel mit zwei sanitätsdienstlichen Versorgungen je 1.000 Besucher in zehn Stunden. Dazu kommen Risikofaktoren wie Wetter und Massenphänomene.

Vergleich beider Verfahren: Das Maurer-Schema geht vom Risikowert zum Kräfteansatz, der Kölner Algorithmus vom Schutzziel über die Raumplanung zur Stärke. Beide brauchen die Beurteilung der konkreten Lage

Wie weit die Ergebnisse auseinanderliegen können, zeigt das Beispiel aus der genannten Arbeit, ein Public Viewing an der Deutzer Werft in Köln während der Weltmeisterschaft 2006. Das Maurer-Schema ergab 4 KTW, 3 RTW, 2 Notärzte und 30 Helfer. Tatsächlich gab es 39 Hilfeleistungen im Sanitätsdienst und 8 Rettungsdiensteinsätze. Beide Verfahren lagen nach Einschätzung der Autoren zu hoch, Maurer deutlich höher als Köln.

Das ist ein Einzelfall und kein Beleg dafür, dass ein Verfahren grundsätzlich falsch rechnet. Eine unabhängige Studie, die das Maurer-Schema systematisch überprüft, haben wir bei unserer Recherche nicht gefunden. Gerade deshalb sollte die Zahl nicht die Diskussion beenden, sondern sie eröffnen.

Was keine Tabelle weiß

Einige Fragen beantwortet kein Algorithmus, weil sie von der konkreten Veranstaltung abhängen. Aus unserer Sicht gehören mindestens diese in die Planung:

  • Gelände und Wege. Wie lange braucht ein Trupp durch die Menge zum Einsatzort? Wo kommt ein RTW überhaupt hin, und wo wird übergeben?
  • Wetter. Hitze oder Unwetter verändern den Bedarf stärker als hundert Besucher mehr oder weniger.
  • Publikum und Verlauf. Ein Familienfest am Nachmittag und dieselbe Besucherzahl um Mitternacht vor einer Bühne sind zwei verschiedene Lagen.
  • Dauer. Eine Besetzung, die rechnerisch reicht, reicht über zwölf Stunden nur mit Ablösung.
  • Umfeld. Wie weit ist die nächste Klinik, und wie stark ist der örtliche Rettungsdienst gerade belastet, wenn die Veranstaltung ihn zusätzlich beansprucht?

Eine sinnvolle Arbeitsweise ist es deshalb, den Algorithmus sichtbar als Ausgangswert zu verwenden, jede Abweichung davon mit einem Satz zu begründen und beides festzuhalten. So lässt sich die Planung gegenüber Veranstalter und Behörde vertreten, und im nächsten Jahr gibt es etwas, woran man anknüpfen kann. Wer dann noch notiert, wie viele Versorgungen es tatsächlich gab, hat bald bessere Zahlen als jede Tabelle.

Wer ist eigentlich verantwortlich?

Die Rechtslage ist weniger einheitlich, als viele annehmen. Die genannte Arbeit bezeichnete sie 2010 als „alles andere als eindeutig“: Großveranstaltungen seien in der Mehrzahl der Rettungsdienstgesetze nicht berücksichtigt und fielen unter das allgemeine Ordnungsrecht. Auch heute gibt es nach unserer Kenntnis keine bundesweit einheitliche Vorschrift zum Umfang des Sanitätsdienstes.

Für Versammlungsstätten regeln die Länder die Pflichten in eigenen Verordnungen, in Bayern zum Beispiel in § 38 der Versammlungsstättenverordnung: Der Betreiber ist für die Sicherheit der Veranstaltung verantwortlich und stellt die Zusammenarbeit der Sanitätswache mit Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst sicher. Ein Merkblatt des Landessportverbands für das Saarland hält für Sportveranstaltungen fest, die Haftung liege beim Veranstalter und ein Vertrag mit der Hilfsorganisation sei nötig.

Für die Praxis heißt das: Klären Sie früh mit der zuständigen Ordnungsbehörde, welche Vorgaben vor Ort gelten, und lassen Sie sich die vereinbarte Stärke schriftlich bestätigen. Das schützt auch Ihre Organisation, wenn der Veranstalter aus Kostengründen weniger möchte, als Sie für vertretbar halten.

Und was macht die Software?

leitstelle.live berechnet keinen Kräftebedarf, weder nach Maurer noch nach einem anderen Verfahren. Diese Beurteilung bleibt bei Ihnen. Unser Beitrag liegt in dem, was danach kommt: Kräfte und Abschnitte im Einsatz führen, Sanitätsstationen mit Plätzen und Belegung im Blick behalten und Patienten vom ersten Kontakt bis zur Übergabe dokumentieren. Am Ende steht damit fest, wie viele Versorgungen es wirklich gab, und das ist die beste Grundlage für die Planung im nächsten Jahr.

Der Weg eines Patienten: Sichtung, Patientenakte, dann Entlassen oder Transport anfordern, mit den Transportphasen bis zur Übergabe

Quellen